Emotionaler Bericht aus einem
Foreveryoung-Quartier
Man (wir) lebt in Nordneukölln, wobei das so nicht stimmt. Wir wohnen im Reuterkiez. Oder auch anders “Gutes Neukölln” genannt, welches im Gegensatz zum “Schlechten Neukölln” weiter südlich steht. Man ist vor gut zwei Jahren hier her gezogen, kurz vor dem großen Hype, der jetzt um den Kiez gemacht wird. Es gab damals das Backhaus (eine Bäckerei, deren Ecke im Sommer tatsächlich stets von der Sonne beschienen wird), frisch hatte die “Kantina von Hugo” eröffnet, in dem aber nie einer saß und sonst noch ein paar Restaurants mit eher bedenklicher Einrichtung, die sich in Berlin aber überall finden lassen. Die Motivation ins “Gute Neukölln” zu ziehen, war tatsächlich die günstige Miete, die Nähe zur sozialer Infrastruktur in Kreuzberg und die Nähe des Kanals.
Zwei Jahre später gibt es überall Bars, Cafés, Ausstellungsräume, schicke Fahrradläden, junge Bürogemeinschaften in bald allen Erdgeschossen und jetzt sogar schon einen Bioladen. Das RBB hat sich in den Kiez begeben und ein paar Junge vom Prenzlauer Berg interviewt, welche die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt haben, dass sie oft hierher kämen, es sei sehr “stylisch”. Und wirklich, man kann sich mittlerweile modisch an seinen Nachbarn orientieren und sogar inspirieren lassen. Es werden Brötchen im Backhaus in allen fremdländischen Akzenten gekauft und man bekommt in der Sonne auch kein Platz mehr. Gestern musste man dann eine Wohnung für eine Freundin besichtigen, auch im “Guten Neukölln”, jedoch an der Grenze zum “Bösen”. Da fand man sich mit 35 anderen Mitbewerbern vor der Tür wieder. Und das für eine EG-Wohnung. Die 35 Leute waren doch sehr gemischt, aber durchwegs die Hälfte der Leute wie wir, die uns Pioniere oder vielleicht auch Gentrifizierer nennen lassen.
Sie freuen einen, all die Veränderungen, aber sie irritieren tatsächlich auch. Es scheint, als würde all dies so schnell geschehen, dass der Kiez selbst nicht hinterher kommt.
Aber ein Prenzlauer Berg wird es hier nicht werden, ist es noch lange nicht. Kein Prenzlauer Berg, weil hier zwar viel passiert und sich einiges bewegt, aber hier alles nach wie vor sehr ranzig ist. Das Image des “Bösen” dieses Kiezes geistert immer noch durch Berlin. Die Bewohner lassen sich in Ruhe und zudem begreifen die “neuen” Zugewanderten dies hier selten als Endstation, vor allem auch nicht, weil viele auf der Durchreise zu sein scheinen. Zudem werden viele der neuen Bewohner spätestens zur Einschulung ihrer zukünftigen Kinder in einen anderen Kiez ziehen, da die Schulen in der Umgebung einen miserablen Ruf genießen und durch private Sicherheitskräfte geschützt werden. Vielleicht bleibt es ein “Foreveryoung-Quartier”, in dem die Menschen hier wohnen und in einem gewissen Alter wieder gehen. Diese Aussicht ist schön, auch wenn man weiß, dass dieses Fazit ein Wunschdenken sein könnte. Oder sein kann. Und man auch weiß, dass man den Prenzlauer Berg ja auch mag.

