Berlins Flughäfen und das “nachhaltige Wohnen”

Als der Flughafen Tempelhof noch ein Flughafen war und noch nicht ein stillgelegter Flughafen, wurde er als solches gesehen, eben als Flughafen und das war es dann auch. Seit Tempelhof nun ein stillgelegter Flughafen geworden ist, scheinen die Berliner ihn nun irgendwie zu personifizieren, etabliert er sich als öffentliches Findel- oder Sorgenkind. “Unser Tempelhof”, nicht mehr “Flughafen Tempelhof”. Als Stadtplaner wird man in jüngster Zeit sehr oft gefragt, was man denn “davon hält” und niemand weiß eigentlich wovon man was halten soll, da ja keine Entscheidung gefällt worden ist und ein ziemliches chaotisches macht-politisches Gerangel um dieses Gebiet begonnen hat. Und jeder fängt an, darüber zu schreiben, zu planen und sich zu engagieren. Und man bekommt das Gefühl nicht los, es sei überraschend gekommen, dieses Stilllegen, niemand hätte, bevor es passiert ist, etwas davon gewusst. Was ja nicht der Fall war.

So viel zu den Emotionen. Nun zum eher Fachlichen:
Tempelhof ist Brachland (c.a. 386 ha). Ein wesentlicher Teil des Gebiets um den Hauptbahnhof (ca. 40 ha nur der nördliche Teil) eine Andere. Für die Mitte von Mitte gibt es zwar konkrete Pläne, sie ist aber im Moment auch nichts anderes als eine Brachfläche mit lauter Stolpersteinen. MediaSpree (rund 180 ha) wollen gewisse Akteure der Stadt versenken, aber wie es aussieht, versenkt sich die selbst; was daraus resultiert ist eine weitere, riesige Brachfläche im innerstädtischen Gebiet. Adlershof, das Innovations- und Forschungszentrum, welches ein bisschen außerhalb der Stadt liegt, steht zwar da und die Bewohner Berlins wissen wenigstens nach 20 Jahren Planungs- und Baugeschichte, wo das etwa liegt und was da etwa sein soll. Aber fertig ist es noch lange nicht. Und nun soll Tegel ab dem Jahre 2011 brachgelegt werden (460ha), respektive stillgelegt. Und diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Diese Baustellen und Brachen stören in Berlin nicht, sie sind quasi Teil der Stadt und Teil der Gesamtimprovisation, welche Berlin darstellt. Und es stört nicht, wenn in Adlershof nicht alles gebaut wird, die unbebauten Flächen sind Wiesen und das ist auch schön. Der Fall MediaSpree hat an Aktualität auch verloren, dann gibt es keine (oder sehr viel weniger als erhofft oder befürchtet) Investoren, welche die Mieten hochtreiben, es gibt keine Promenade an der Spree für Fußgänger und die Industrieromantik finden alle toll, ist auch was tolles. Und wie immer gibt es aber ein Aber: das alles ist mehr oder weniger ausgewiesenes Bauland. Viel davon in der öffentlichen Hand. Die wiederum kein Geld hat. Vor allem nicht in Berlin, gerade da nicht. Es gibt die Gefahr, dass die öffentliche Hand ihre eigenen Bodenpreise nach unten drückt. Nicht nur dies, aber als einer der wichtigen Aspekte lässt einen nun fragen, ob angesichts von so vielen Projekten, die öffentliche Hand nicht ihre eigene Handlungsmacht schmälert.

Man kann jetzt argumentieren, dass dieses ganze Flächenausschütten für Berlin großartig ist, da es sicherlich zu Berlins großem Charme beiträgt, dass diese Stadt eigentlich immer improvisiert ist und dies mit dieser „Strategie” sicherlich die nächsten 40 - 50 Jahre auch noch so sein wird. Auf der anderen Seite bergen diese Flächen ein ungeheures Potential. Man stelle sich mal vor, Paris bekäme solche unbebauten Flächen, sie würden jubeln. In Berlin gibt es vorerst keinen Bedarf, diese Flächen zu bebauen, da die Immobilienmärkte mehr oder weniger übersättigt sind (ausgenommen der Büromarkt im oberen Segment). Der Druck der Aussschüttung entsteht durch die schlechte finanzielle Haushaltslage der Stadt und einem gewissen Druck von der Bundesebene. Die Handlungsmacht wird folglich aus der eigenen Misere geschmälert und es fragt sich, wie groß sie eigentlich noch ist.

Klar ist, dass es um solche Flächen zu planen oder zu bebauen nicht reicht, einfach Schlagwörter wie “prozessual”, “nachhaltiges Wohnen” oder „energiebewusste Zukunft” sich als Konzept zu definieren. Für solche Flächen braucht es weitaus mehr an Visionen und Innovationen. Vor allem braucht es auch das erneute Definieren einer Strategie und Vision für Berlin, für das gesamte Stadtgebiet. Als Idee sollte man sich vielleicht mal wieder einmal überlegen, was man überhaupt will mit der Stadt und diesem Plan auch die Möglichkeit des Scheitern einzuräumen.

Zahlen der Flächengrößen alle unter: www.stadtentwicklung.berlin.de

Emotionaler Bericht aus einem
Foreveryoung-Quartier

Man (wir) lebt in Nordneukölln, wobei das so nicht stimmt. Wir wohnen im Reuterkiez. Oder auch anders “Gutes Neukölln” genannt, welches im Gegensatz zum “Schlechten Neukölln” weiter südlich steht. Man ist vor gut zwei Jahren hier her gezogen, kurz vor dem großen Hype, der jetzt um den Kiez gemacht wird. Es gab damals das Backhaus (eine Bäckerei, deren Ecke im Sommer tatsächlich stets von der Sonne beschienen wird), frisch hatte die “Kantina von Hugo” eröffnet, in dem aber nie einer saß und sonst noch ein paar Restaurants mit eher bedenklicher Einrichtung, die sich in Berlin aber überall finden lassen. Die Motivation ins “Gute Neukölln” zu ziehen, war tatsächlich die günstige Miete, die Nähe zur sozialer Infrastruktur in Kreuzberg und die Nähe des Kanals.

Zwei Jahre später gibt es überall Bars, Cafés, Ausstellungsräume, schicke Fahrradläden, junge Bürogemeinschaften in bald allen Erdgeschossen und jetzt sogar schon einen Bioladen. Das RBB hat sich in den Kiez begeben und ein paar Junge vom Prenzlauer Berg interviewt, welche die Öffentlichkeit darüber aufgeklärt haben, dass sie oft hierher kämen, es sei sehr “stylisch”. Und wirklich, man kann sich mittlerweile modisch an seinen Nachbarn orientieren und sogar inspirieren lassen. Es werden Brötchen im Backhaus in allen fremdländischen Akzenten gekauft und man bekommt in der Sonne auch kein Platz mehr. Gestern musste man dann eine Wohnung für eine Freundin besichtigen, auch im “Guten Neukölln”, jedoch an der Grenze zum “Bösen”. Da fand man sich mit 35 anderen Mitbewerbern vor der Tür wieder. Und das für eine EG-Wohnung. Die 35 Leute waren doch sehr gemischt, aber durchwegs die Hälfte der Leute wie wir, die uns Pioniere oder vielleicht auch Gentrifizierer nennen lassen.

Sie freuen einen, all die Veränderungen, aber sie irritieren tatsächlich auch. Es scheint, als würde all dies so schnell geschehen, dass der Kiez selbst nicht hinterher kommt.

Aber ein Prenzlauer Berg wird es hier nicht werden, ist es noch lange nicht. Kein Prenzlauer Berg, weil hier zwar viel passiert und sich einiges bewegt, aber hier alles nach wie vor sehr ranzig ist. Das Image des “Bösen” dieses Kiezes geistert immer noch durch Berlin. Die Bewohner lassen sich in Ruhe und zudem begreifen die “neuen” Zugewanderten dies hier selten als Endstation, vor allem auch nicht, weil viele auf der Durchreise zu sein scheinen. Zudem werden viele der neuen Bewohner spätestens zur Einschulung ihrer zukünftigen Kinder in einen anderen Kiez ziehen, da die Schulen in der Umgebung einen miserablen Ruf genießen und durch private Sicherheitskräfte geschützt werden. Vielleicht bleibt es ein “Foreveryoung-Quartier”, in dem die Menschen hier wohnen und in einem gewissen Alter wieder gehen. Diese Aussicht ist schön, auch wenn man weiß, dass dieses Fazit ein Wunschdenken sein könnte. Oder sein kann. Und man auch weiß, dass man den Prenzlauer Berg ja auch mag.